von S. Parplies und L. Winter, €uro am Sonntag
Die Letzten werden die Ersten sein. Die Baumarktkette Praktiker gehört bislang zu den großen Siegern des neuen Börsenjahres. Kurz vor Weihnachten hatte alles noch ganz anders ausgesehen.
Kaum hatte der neue Unternehmenschef Thomas Fox sein Sanierungsprogramm vorgestellt, beschleunigte sich die Talfahrt der Aktie. Einige Börsianer zweifelten gar an der Überlebensfähigkeit der Baumarktkette, die mit sinkenden Umsätzen kämpft und deren größter Auslandsmarkt ausgerechnet Griechenland ist. Analysten haben bis heute eine schlechte Meinung von der Praktiker-Aktie. Laut Finanzdienst Bloomberg raten sie fast geschlossen zum Verkauf. Für Aktienstrategen ist die Praktiker-Rally Teil eines bekannten Phänomens: Am Ende einer Börsenkrise werden jene Aktien besonders weit nach oben gespült, die zuvor am stärksten verloren hatten. Qualität spielt dabei keine Rolle. Das gilt nicht nur für Praktiker: Die zehn Aktien aus dem HDAX, die im Januar am kräftigsten zulegten, hatten 2011 im Schnitt 35 Prozent an Wert verloren, 20 Prozentpunkte mehr als der Index.
Doch auch in den großen Indizes sind die Kursgewinne schwindelerregend: Seit dem Tief Mitte September hat der DAX innerhalb von 103 Tagen 30 Prozent an Wert gewonnen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Kursgewinne dieses Ausmaßes sind nicht ungewöhnlich. Nach dem Lehman-Crash hatte sich der DAX über einen Zeitraum von 14 Monaten mehr als verdoppelt.
Noch immer gibt es viele Krisenherde, die die Euphorie schnell abwürgen können, etwa die weiter schwelende Schuldenkrise oder der Konflikt um das Atomprogramm des Iran. Einige Charttechniker wollen für den DAX sogar ein Rückschlagrisiko bis auf 5.000 Punkte ausgemacht haben.
Optimisten fühlen sich durch solche Warnungen nur bestätigt. Angloamerikanische Strategen sprechen gern von der „Wall of Worry“, der Mauer der Angst, die die Aktienkurse hinaufklettern. Im Klartext: Solange Ängste regieren, bleiben viele Investoren in Deckung, geraten bei weiter steigenden Kursen aber unter Investitionsdruck und treiben damit die Kurse weiter nach oben.
Jede Rally ist anders. Und dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Werden in der ersten Welle die größten Verlierer nach oben gespült, setzen Investoren im weiteren Verlauf stärker auf zurückgebliebene Titel. Diese Rotation lässt sich an den Kursbewegungen der Aufwärtswende des Jahres 2009 ablesen: Von den zehn Top-Performern des DAX in den ersten 100 Tagen konnten sich nur zwei auch über die folgenden sechs Monate in der Spitzengruppe behaupten. Sechs Top-Ten-Werte der ersten Welle rutschten hingegen in den Kreis der zehn schlechtesten Aktien ab. Von den schlechtesten zehn Titeln der ersten 100 Tage wiederum schafften immerhin vier in den Folgemonaten den Sprung unter die Top Ten.
Bulle vs. Bulle (Grafik): Der Kursanstieg des DAX seit September 2011 ähnelt der 2009er Rally (PDF)
Die größten Gewinner der ersten Welle waren damals der Chipkonzern Infineon, zwischenzeitlich zum Pennystock degradiert, sowie Finanzwerte und Autobauer. Die Aufsteiger der zweiten Welle kamen aus defensiven Branchen — etwa Bayer, Beiersdorf, Fresenius und Linde.
Für Späteinsteiger hat die Redaktion sechs Aktien aus dem deutschen HDAX herausgesucht, die noch attraktive Kurschancen versprechen: Zykliker, die ihr Potenzial trotz deutlicher Kursgewinne nicht ausgereizt haben. Unternehmen, bei denen sich im operativen Geschäft eine Trendwende abzeichnet. Und substanzstarke Aktien, die durch nachhaltiges Wachstum überzeugen.
China fährt auf BMW ab
Unter den zyklischen Aktien des DAX gehören die Autowerte zu den Stars der vergangenen Jahre. Markenimage, verbesserte Kostenstrukturen, neue Modelle und vor allem die Nachfrage aus China werden auch in Zukunft die wichtigsten Gewinntreiber der deutschen Hersteller sein. Die Citigroup sieht BMW als den am stärksten auf China fokussierten deutschen Autowert.
Der Börsenwert von ProSiebenSat.1 hat sich seit dem Tief im August 2011 bei rund zehn Euro fast verdoppelt. Das Ende der Fahnenstange dürfte trotzdem noch nicht erreicht sein. Wichtigste Einnahmequelle ist die Werbung — eine konjunkturelle Erholung dürfte deshalb überdurchschnittlich stark auf den Kurs durchschlagen. Nach Ansicht der Citigroup gehört die Aktie zu den „Top Picks“ im Mediensektor.
Der Reisekonzern TUI hat Aktionäre durch zahlreiche Strategieschwenks verschreckt. Wichtigster Hoffnungsträger für die Aktie wäre ein zeitnaher Verkauf der Hapag-Lloyd-Beteiligung. Dadurch würde TUI zu einem reinen Touristikkonzern werden und hätte außerdem Geld für Investitionen. Das würde Spielraum für eine höhere Bewertung der Aktie schaffen.
Der Tiefbauspezialist Bauer hatte in den vergangenen Monaten mit Verzögerungen bei größeren Projekten zu kämpfen. 2012 und in den Folgejahren will Firmenchef Thomas Bauer den Umsatz mindestens um fünf Prozent pro Jahr steigern, der Gewinn soll ebenfalls zulegen. Die Auftragsbücher sind mit einem Volumen von deutlich über 700 Millionen Euro bereits gut gefüllt. Fantasie steckt zudem im womöglich größten Einzelauftrag der Firmengeschichte: die Sanierung des Staudamms Mosul im Irak. Volumen: fast zwei Milliarden Euro. Sollten die Verträge unterschrieben werden, dürfte der Kurs weiter klettern.
Der Düngemittelhersteller K + S ist der einzige DAX-Wert, der seit September 2011 im Minus notiert. Die Gewinnwarnung im November hat eine deutliche Kurserholung verhindert. Eine langfristig steigende Nachfrage nach Düngemitteln und die mögliche Übernahme des Unternehmens aber sprechen unverändert für K + S. Im Januar hat sich der Kurs bereits stabilisiert. Damit ist die Aktie ebenfalls ein potenzieller Spätstarter in die Börsenrally.

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Auch bei Gerry Weber sieht die Redaktion weiter Kurspotenzial, da das Modeunternehmen in eine neue Expansionsphase eintritt. Derzeit testet der Modekonzern den chinesischen Markt mit einigen durch Franchisepartner betriebenen Geschäften. Auch in den USA betritt das Unternehmen Neuland — wahrscheinlich noch im ersten Halbjahr sollen über die Kaufhausketten Bloomingdale’s und Dillard’s Klamotten verkauft werden. Ob Mode aus Westfalen in den neuen Welten wirklich einschlägt, lässt sich kaum abschätzen. Das Risiko der Gerry-Weber-Aktie dürfte aber bei Weitem nicht so groß sein wie die Wette auf die Zukunft von Praktiker.
BMW
Weiter gut in Fahrt
Die Nachfrage aus Asien und den USA sollte BMW 2012 zu einem Absatzplus verhelfen. Trotz vermutlich sinkender Marge dürften die Münchner ihren Vorsprung vor Daimler verteidigen. Ein einstelliges KGV und eine attraktive Dividendenrendite sprechen weiter für die Aktie. Charttechnische Hürde bei 74 Euro.
Gerry Weber
Neue Welten
Der Ausbau des eigenen Filialnetzes („Houses of Gerry Weber“) ist wichtigster Kurstreiber der Aktie, da auf den in Eigenregie geführten Flächen höhere Margen erzielt werden. Die USA und China bieten große Chancen, aber auch Risiken. Charttechnisch ist der Bruch des Allzeithochs ein starkes Kaufsignal.
Tui
Erholung von der Talfahrt
In diesem Jahr soll der Verkauf der Beteiligung an Hapag-Lloyd endlich über die Bühne gehen. Für die Aktie des Touristikkonzerns wäre das eine Erlösung, da Konglomerate mit Kursabschlägen bedacht werden. Die Commerzbank sieht die TUI-Aktie mit fairer Bewertung der Hapag-Beteiligung bei 7,20 Euro.
ProsiebenSat.1
Jetzt einschalten
Mit einem einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnis für das laufende Jahr ist das Papier noch immer recht günstig bewertet. Würde der Aktie obendrein der Sprung über den Widerstand bei 20 Euro gelingen, wäre auch charttechnisch der Weg Richtung 52-Wochen-Hoch bei 25 Euro frei.
Bauer AG
Raus aus dem Kurstief
Die Auftragsbücher des bayerischen Tiefbauspezialisten sind gut gefüllt. Ein möglicher Großauftrag aus dem Irak bietet zusätzlich Kursfantasie. Fundamental ist die Aktie mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis unter eins attraktiv bewertet. Charttechnisch sieht das Bild ebenfalls vielversprechend aus.
K + S
Zurückgelassen
Die Preise für Rohstoffe schwanken stark. Das schlägt auf die Aktie des Düngemittel- und Salzherstellers K + S durch. Im November haben die Hessen die Gewinnerwartungen gedämpft. Das fast einstellige KGV liegt inzwischen aber deutlich unter dem Fünfjahresschnitt von 16. Nachholpotenzial.